Inspiriert von Samuel Widmer und vom Werk: „Samuel Widmer. Das Leben eines Kriegers“ autorisierte Biografie von Karin Engelkamp
Teil I
Kampf bedeutet für den Helden nicht die Beteiligung an Akten kollektiver Dummheit oder kollektiver Gewalt. Kampf ist für den Helden der Kampf gegen das individuelle Ich, das er zu überwinden trachtet, um völlige Freiheit zu finden. Der grundlegende Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Menschen und einem Helden ist, dass der Held jede Situation seines Lebens als Herausforderung annimmt, während der normale Mensch alles entweder als Segen oder als Fluch auffasst. Im Gegensatz zu diesem stellt sich der Held allem und sieht darin keinen Grund, sich zu beklagen oder etwas zu bereuen. Ein Held begegnet allen Herausforderungen seines Lebens mit höchster Achtsamkeit, mit Ehrfurcht, mit Respekt und absoluter Zuversicht.
Der Held strebt die vollkommene Freiheit an, er will eine freie Energie sein. Die Freiheit vom gewöhnlichen Selbst, die Liebe ist, versteht er als die einzige wirkliche Freiheit. Seine Werkzeuge auf diesem Weg sind vollkommene Ehrlichkeit mit sich selbst und Beharrlichkeit im Ringen um seine unverbrüchliche Absicht. Seine Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sowie seine Beharrlichkeit bilden seine Makellosigkeit. Die Tat des Helden ist es, seine persönliche Kraft von Gewohnheit und Schwäche abzuziehen und stattdessen in seiner Absicht als Held zu sammeln. Makellosigkeit ist nichts anderes als das richtige Benutzen von Energie. Er versteht darunter das Umdirigieren der Energie, die ein gewöhnlicher Mensch für seine eigene Wichtigkeit verbraucht. Makellosigkeit, das heißt, befreite Energie, ist letztlich das Einzige, auf das es auf dem Pfad des Wissens ankommt.
Ich kann ohne jegliche Überheblichkeit sagen, dass die Lebensform des Helden die ultimative Möglichkeit des Menschen ist. Sie zu verwirklichen ist ein lebenslanger Kampf und dieser verbraucht genau gleich viel Energie wie der Kampf des gewöhnlichen Menschen im Ringen um seine Anpassung, nämlich alle, die wir haben. Die einzige Möglichkeit des Helden, Energie zu sparen, ist das Tilgen von unnötigen Gewohnheiten. Makellosigkeit ist letztlich alles, was dem Helden bleibt. Das Wissen um seine Makellosigkeit ist seine Freude. Sie zu verfehlen, wäre sein definitives Scheitern.
Die Kunst des Helden ist die Kunst der Wahrnehmung, die die Kunst des Träumens ist. Er sieht, dass der Kern unseres Wesens Wahrnehmung und die Magie unseres Seins Bewusstheit ist. Er hört auf damit, sich an Dinge zu klammern und zu besitzen. Jeder, der ein Held werden will, hat die Aufgabe, sich von dieser Fixierung zu befreien.
Helden handeln nicht, um einen Vorteil zu erringen wie der gewöhnliche Mensch. Sie handeln, weil der Geist sie ruft. Der Held handelt, ohne eine Belohnung zu erwarten, er handelt einfach und er liebt einfach.
Der Held hat aufgehört, Verständnis bei anderen zu suchen. Anerkennung und Hilfe sucht er nicht länger. Während der gewöhnliche Mensch von der Beurteilung anderer abhängig ist, baut der Held nur auf sich selbst und damit auf die Unendlichkeit, von der er abhängt. Helden haben nur einen Bezugspunkt, die Unendlichkeit.
Der Held hat aufgehört, durch eine Brille von Geboten und Verboten auf die Wirklichkeit zu schauen. Er schaut und sieht unmittelbar Wirklichkeit. Allem wendet er sich zu, als sei es das erste und einzige Mal. Darum erkennt er unschuldig wie ein Kind, was wahr, was falsch und was wahr am Falschen ist. Unbeirrt durch die Verirrungen des menschlichen Geistes durchbricht er alle Illusionen, alle Unwahrheit und alle Heuchelei. Er hat gelernt, wenn nötig, auch ganz allein zu stehen mit dem, was ist. Ein tiefer Frieden beherrscht sein Leben. Er weiß, dass seine Aufgabe eine Lebensaufgabe ist. Er braucht alle Zeit und Energie, die er hat, um die menschliche Dummheit in sich zu besiegen. Die Suche eines Helden gilt einzig der letztlichen Befreiung, die kommt, wenn er völlige Bewusstheit erlangt.
Vor allem übernimmt der Held für alles, was er tut und was mit ihm ist, für sein ganzes Leben die Verantwortung. Das heißt, dass er kein Selbstmitleid hat, sich nicht als Opfer fühlt und seine Entscheidungen, einmal getroffen, nicht anzweifelt und nicht bereut und gleichzeitig in der Lage ist, neue Entscheidungen zu treffen. Der Held schafft sich seine eigene Stimmung. Es ist nicht einfach, die Stimmung eines Helden in sich zu errichten. Es ist eine Revolution; es ist die großartige Tat eines großartigen Heldengeistes. Was macht dich zum Helden, was baut deine persönliche Kraft auf, damit du schließlich die Welt anhalten kannst? Die persönliche Geschichte aufgeben, die eigene Wichtigkeit verlieren, den Tod als Ratgeber benutzen, Verantwortung übernehmen, unerreichbar sein, die Gewohnheiten des Lebens unterbrechen, sich der Kraft zugänglich machen und die Stimmung eines Helden finden.


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