Nachdem wir den philosophischen und historischen Hintergrund des Tantra – siehe hier – rekonstruiert haben, wollen wir uns nun seinen grundlegenden Prinzipien und Elementen zuwenden. Das hinduistische Tantra ist reich an Metaphern und Symbolen, die ihre Wurzeln in alten Kulten haben. Deshalb beginnen wir mit einer Untersuchung dieser Symbole, bevor wir betrachten, wie sie in den Buddhismus integriert wurden.
Im hinduistischen Tantra wird die absolute Realität, das unverfälschte Bewusstsein, in Form von Shiva personifiziert. Shiva repräsentiert das höchste, unveränderliche Bewusstsein. Yogis vergangener Zeiten stellten sich den Kosmos als Shivas Geliebte vor, die in vielen Formen erscheint und als Shakti bekannt ist. Shakti ist die göttliche Kraft, die dem Ungeformten Form verleiht und das Unendliche begrenzt. Als Maya-Shakti wird sie die Kraft genannt, die mit ihrer göttlichen Vorstellungskraft die Illusion des Universums heraufbeschwört, indem sie das reine Bewusstsein in vielen Schichten der Materie verschleiert. Der Begriff „maya“ stammt von der Sanskrit-Wurzel „ma“, was „messen“, „formen“ oder „entfalten“ bedeutet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Welt nicht existiert, sondern dass ihre wahre Natur unseren getrübten Sinnen verborgen bleibt.
Shakti wird auch als diejenige verehrt, die die Wahrheit enthüllt und als die Große Befreierin wirkt. Alles, was sie zum Dasein bringt, kehrt irgendwann zu seinem ursprünglichen, absoluten Sein zurück. Diese Funktion wird durch die Göttin Kali dargestellt, die in ihrer furchterregenden Form die Zerstörerin des Ego und der materiellen Anhaftungen ist. Für den Yogi, der nach Befreiung strebt, ist sie jedoch die Retterin, die ihn aus der Illusion und dem Leiden der Ego-Identität befreit.
Die symbolische Darstellung von Shiva und Shakti als Liebende in sexueller Vereinigung weist auf ihre gegenseitige Abhängigkeit hin. Obwohl sie scheinbar getrennt sind, sind sie in Wirklichkeit zwei komplementäre Erscheinungen einer Einheit – die eine kann nicht ohne die andere existieren. Diese zweigeschlechtliche höchste Gottheit ist sowohl zeitgebunden als auch unendlich. Shiva repräsentiert das unbegrenzte, unveränderliche Ganze, während Shakti die dynamische, veränderliche Energie ist, die das Universum formt.
Philip Rawson beschreibt in seinem Werk „Tantra: The Indian Cult of Ecstasy“ den Kosmos aus tantrischer Sicht als ein verflochtenes Gewebe von Vibrationen und subtilen Resonanzen. Diese Vibrationsmuster, die von der höchst verfeinerten Substanz der Schöpfung stammen, überschneiden und vermischen sich, bis sie sich scheinbar verdichten. Diese Verdichtungen bilden die sieben Hauptschichten des Kosmos, die sich in den sieben Chakren des menschlichen Mikrokosmos widerspiegeln.
Das siebte Chakra am Scheitelpunkt des Kopfes ist mit der ursprünglichen Einheit von Shiva und Shakti verbunden. Im sechsten Chakra, in der Mitte des Kopfes, hat sich Shakti von Shiva getrennt und den Bereich des Geistes (manas) geschaffen. Die fünf unteren Chakren, die zwischen Kehle und Becken liegen, repräsentieren zunehmende Verdichtungen, die durch die fünf Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde symbolisiert werden. Jede dieser Stufen ist dichter als die vorhergehende, bis schließlich die Festigkeit des Erdelements erreicht wird.
Es gibt die Vorstellung, dass Shakti, seit sie die Welt erschaffen hat, in den Tiefen des materiellen Universums Winterschlaf hält. Joseph Campbell beschreibt das Sanskritwort „Kundalini“ als das, was „aufgerollt“ oder „spiralförmig“ ist, und verweist auf die spiralförmigen Energiemuster, die in der Natur zu finden sind, vom DNA-Molekül bis zur Form von Galaxien. Diese Energie wird im menschlichen Körper als Kundalini-Shakti personifiziert, die in einem schlafenden Zustand im ersten Chakra am Beckenboden ruht.
Im normalen Zustand fließt die Kundalini-Energie durch zwei Kanäle entlang der Wirbelsäule, die die Sinneswahrnehmungen und die Illusion der Welt aufrechterhalten. Solange die Kundalini in diesem Zustand bleibt, wird das Leben von Instinkten, Begierden und egozentrischen Vorstellungen beherrscht. Diese Energie kann jedoch aktiviert und durch den zentralen Kanal, der als Sushumna-Nadi bekannt ist, nach oben geleitet werden. Wenn dies geschieht, erwacht die Kundalini, und während sie durch die Chakren aufsteigt, enthüllt sie immer höhere Ebenen des Bewusstseins. Schließlich wird das Bewusstsein von den Begrenzungen des physischen Körpers befreit und nimmt an der ekstatischen Vereinigung von Shiva und Shakti teil. Diese mystische Erfahrung wird als die höchste Glückseligkeit und Weisheit angesehen, die das Tantra als das höchste Ziel des menschlichen Daseins beschreibt.
Die bildhafte Sprache und die Symbole der sexuellen Vereinigung werden hier verwendet, um die mystische Ekstase zu beschreiben, die durch die tantrischen Praktiken erreicht wird. In der tantrischen Tradition wird sexuelle Energie als heilig angesehen und in Ritualen genutzt, um die Kundalini zu erwecken. Diese Rituale, wie das sogenannte Chakra-Puja, dienten dazu, die Teilnehmer mit den kreativen Kräften des Universums zu verbinden.
Das Kundalini-Yoga ist eine Praxis, die darauf abzielt, die Kundalini-Energie zu erwecken und durch die Chakren zu leiten. Dabei visualisiert der Yogi die Chakren entlang der Wirbelsäule und meditiert über die Symbole und Gottheiten, die mit jedem Chakra verbunden sind. Diese Praxis ist darauf ausgerichtet, das Bewusstsein zu erweitern und spirituell zu erwachen.
Traditionell wird das Wissen über das Kundalini-Yoga von einem erfahrenen Lehrer an den Schüler weitergegeben. Ein Lehrer ist in der tantrischen Praxis entscheidend, da er nicht nur Wissen und Methoden vermittelt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, die Kundalini-Kraft im Schüler zu erwecken und sicher zu leiten. Diese Erweckung kann auf verschiedene Weise geschehen, durch Berührung, Gedankenübertragung oder einfach durch den Blickkontakt. Das Ziel dieser Praktiken ist es, das Bewusstsein zu erweitern und die ultimative Einheit von Shiva und Shakti zu erfahren.
Quellenangabe:
Charles Breaux, Reise ins Bewusstsein. Chakras, Tantra und Jungsche Psychologie, 1991, Knaur Verlag.


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